Ein Modell zur Mensch-KI-Interaktion im Schreibprozess
Sarah Brommer & Sara Rezat
21. Dezember 2024
Kurze Einordnung
Schreibprozessmodelle haben sich seit den Arbeiten von John Hayes und Linda Flower (1980) kontinuierlich weiterentwickelt. Ursprünglich wurden der Schreibprozess und seine Teilprozesse – Planen, Formulieren und Überarbeiten – in den Fokus gerückt. Diese frühe kognitive Perspektive betont die Rekursivität und die strategische Steuerung der Schreibaktivitäten. Spätere Modelle, wie bspw. das von Böttcher und Becker-Mrotzek (2012), erweitern den Ansatz um kommunikative und soziale Dimensionen. Schreiben wird als ein sozialer Akt, der durch Interaktionen mit der Leserschaft und der sozialen Umgebung geprägt wird, verstanden. Integrative Mehr-Ebenen-Modelle wie bspw. das Modell von Göpferich (2015) führen diese Entwicklungen zusammen, indem die Mehrdimensionalität des Schreibens – von sprachlichen und kognitiven bis hin zu kontextuellen und sozialen Aspekten – umfassend integriert wird. Diese Modelle berücksichtigen auch technologische Einflüsse wie etwa die Nutzung von Textverarbeitungstechnologien. Mit dem Aufkommen von KI-gestützten Tools ergeben sich jedoch neue Herausforderungen, die bestehende Modelle nicht vollständig adressieren können.
Das Modell der Mensch-KI-Interaktion im Schreibprozess
Der Einsatz textgenerierender und textrelevanter KI beim Schreiben führt (auch im Vergleich zum digitalen Schreiben) zu deutlichen Veränderungen im Schreibprozess. Denn neben den (individuellen) menschlichen Ressourcen, die bei bisherigen Modellen in der Regel im Langzeitgedächtnis verankert sind, kommen KI-basierte Ressourcen dazu (z. B. inhaltliche, sprachformale und sprachstilistische Ressourcen, um Texte zu generieren und/oder zu überarbeiten). In der Folge kommt es zu einigen Verschiebungen im Schreibprozesse und den Aufgaben, die Schreibende übernehmen. Aus diesem Grund erweitert unser Modell bestehende Schreibprozessmodelle, indem es die Mensch-KI-Interaktion als zentrale Dimension integriert.
Abb.1: Modell der Mensch-KI-Interaktion im Schreibprozess
Struktur des Modells
Das Modell untergliedert den Schreibprozess weiterhin in die drei rekursiven Teilprozesse Planen, Verschriften und Überarbeiten. Neu ist jedoch die explizite Gegenüberstellung von menschlichen und KI-Ressourcen, die im Schreibprozess miteinander interagieren. Diese Interaktion findet potentiell während allen Teilprozessen statt und wird durch Prompting – die schriftliche oder mündliche Anweisung an die KI – initiiert und strukturiert.
Menschliche Ressourcen umfassen kognitive Fähigkeiten wie strategisches Planen, sprachliches Wissen, Textsortenkompetenz und die Fähigkeit zur Reflexion und Evaluation (vgl. Göpferich 2015).
KI-Ressourcen variieren je nach Technologie und reichen von sprachlichen Funktionen (z. B. stilistische Korrekturen) bis hin zu inhaltlichen Fähigkeiten wie der Generierung oder Analyse von Texten (vgl. Buck & Limburg, 2024).
Das Modell basiert auf der Annahme, dass KI nicht nur ein technisches Artefakt ist, sondern durch die Nutzung im Schreibprozess zum Instrument wird (vgl. Rabardel, 1995). Diese Transformation erfolgt durch zwei parallele Prozesse: die sogenannte Instrumentalisierung, bei der Schreibende der KI Funktionen und Rollen zuschreiben, und die sogenannte Instrumentierung, bei der sich spezifische Gebrauchsschemata im Umgang mit der KI herausbilden.
Übergeordnet in diesem Modell ist die Kontroll- und Verantwortungsebene: Obwohl KI Teile des Schreibprozesses automatisieren kann, bleibt die Verantwortung für den Text letztlich beim Menschen (s.a. Brommer et al., 2023). Diese Ebene hebt hervor, dass Schreibende in der Lage sein müssen, den KI-generierten Output kritisch zu bewerten und anzupassen.
Das Modell betont außerdem die Kontextabhängigkeit des Schreibprozesses.
Produktionsbedingungen wie die Zielsetzung des Schreibens und die Erwartungen der Leserschaft beeinflussen, wie KI eingesetzt wird. Die Rezeptionsbedingungen betreffen Aspekte wie Barrierefreiheit und die Anpassung an unterschiedliche Zielgruppen. KI kann in diesen Bereichen unterstützend wirken, etwa durch automatische Anpassungen an spezifische Zielgruppenbedürfnisse.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Ein zentrales Element des Modells ist die Notwendigkeit neuer Kompetenzen für den Umgang mit KI. Hierzu gehört insbesondere die Entwicklung von KI-Literacy, das Wissen über die Funktionsweise und Grenzen von KI, effektives Prompting und die kritische Evaluation des Outputs umfasst (vgl. Long & Magerko, 2020). Darüber hinaus erfordert die Nutzung von KI eine erhöhte Reflexionsfähigkeit, um ethische, rechtliche und qualitative Aspekte zu berücksichtigen (vgl. Deutscher Ethikrat, 2023).
Das Modell der Mensch-KI-Interaktion bietet eine theoretische Grundlage, um die Veränderungen im Schreibprozess durch KI zu beschreiben und zu untersuchen, wie unterschiedliche Schreibende – von Noviz:innen bis zu Expert:innen – und verschiedene Schreibkontexte durch KI beeinflusst werden. Durch die Betrachtung des Prozesses aus der Perspektive der Instrumentierung und Instrumentalisierung (vgl. Rabardel, 1995) ist es auch möglich, Schreiben mit KI auf Grundlage eines entsprechenden theoretischen Rahmens (und zwar der kognitiven Ergonomie) zu analysieren.
Literaturverzeichnis
Böttcher, I. & Becker-Mrotzek, M. (2012). Texte bearbeiten, bewerten und beurteilen. Schreibdidaktische Grundlagen und unterrichtspraktische Anregungen. Cornelsen.
Brommer, S. et al. (2023). Wissenschaftliches Schreiben im Zeitalter von KI gemeinsam verantworten. Hochschulforum Digitalisierung. https://hochschulforum-digitalisierung.de/news/dp-wissenschaftliches-schreiben-verantworten-ki/
Buck, I. & Limburg, A. (2024). KI und Kognition im Schreibprozess: Prototypen und Implikationen. Journal der Schreibwissenschaft, 15(1), 8–23.
Deutscher Ethikrat (2023). Mensch und Maschine – Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz. https://www.ethikrat.org/publikationen/stellungnahmen/mensch-und-maschine/
Göpferich, S. (2015). Text Competence and Academic Multiliteracy. Narr Francke Attempto.
Hayes, J.R. & Flower, L. (1980). Identifying the organisation of writing processes. In L.W.
Gregg, E.R. Steinberg (Hrsg.), Cognitive Processes in Writing (S. 3–30). Erlbaum.
Hofmann, M. (2009). Situation als Kategorie von Rhetorik und Stilistik. In U. Fix, A. Gaardt & J. Knape (Hrsg.), Rhetorik und Stilistik (S. 1316–1335). de Gruyter.
Long, D. & Magerko, B. (2020). What is AI literacy? Competencies and design considerations. Proceedings of the 2020 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems, 1–16.
Rabardel, P. (1995). Les hommes et les technologies. Armand Colin.