KI-bezogene Schreibkompetenz 

Ein Definitionsvorschlag 

Isabella Buck, Laura Fiegenbaum, Tom Hölting, Juliane Schöneich, Lisa Scholz & Dzifa Vode


24. September 2025

KI-bezogene [1] Schreibkompetenz bezeichnet die Fähigkeit, den gesamten wissenschaftlichen Schreibprozess – von der Ideenfindung über die Strukturierung und Formulierung bis hin zur Überarbeitung und Reflexion – durch den gezielten, reflektierten und selbstgesteuerten Einsatz von generativer Künstlicher Intelligenz (genKI) zu gestalten. Sie umfasst sowohl die Erweiterung klassischer wissenschaftlicher Schreibkompetenz (z. B. Schindler & Siebert-Ott 2013 [2], Kruse & Chitez 2014 [3], Beaufort 2014 [4]; gefsus 2021 [5]) um AI-Literacy als auch die Entwicklung neuer, spezifisch auf die Mensch-KI-Kollaboration ausgerichteter Fähigkeiten.

Kernkomponenten

Im Folgenden werden vier zentrale Komponenten einer KI-bezogenen Schreibkompetenz vorgestellt:


1. AI-Literacy

  • Grundlegendes Verständnis der Funktionsweise von genKI-Systemen


  • Bewusstsein für Möglichkeiten und Grenzen verschiedener genKI-Systeme


  • Verständnis für verschiedene Möglichkeiten der Aufgabenverteilung zwischen Mensch und genKI-System im Schreibprozess. Steinhoff & Lehnen (2025) sprechen hier beispielsweise davon, dass genKI-Systeme Aufgaben wie ein „Ghost“, ein „Tutor“ oder ein „Partner“ erledigen.


  • Fähigkeit, genKI-Systeme gezielt und wirksam zu steuern und mit ihnen zu interagieren.


  • Bewusstsein für ethische und rechtliche Grenzen und Standards der Nutzung von genKI-Systemen in verschiedenen Kontexten, hier insbesondere Berücksichtigung der Regeln guter wissenschaftlicher Praxis.


  • Rechtssichere Nutzung von genKI-Systemen unter Beachtung von Urheberrecht und institutionellen Richtlinien.


2. Prozessorientierte Reflexion

  • Bewusstsein für den eigenen Schreibprozess und die verschiedenen Teilaufgaben des Schreibprozesses sowohl bei geringer, mäßiger als auch intensiver Nutzung von genKI-Systemen.


  • Fähigkeit zur metakognitiven Steuerung des Schreibens, also zur bewussten Auswahl von genKI-Systemen, zum kontextsensiblen Einsatz von genKI im jeweiligen Schreibkontext (z. B. in Hinblick auf Zweck, Zielgruppe, Aufgabenstellung, ethischen Rahmen) und zur Reflexion über Ziel und Funktion des Einsatzes von genKI-Systemen im eigenen Schreibprozess.


  • Reflexion über sinnvolle Einsatzpunkte von genKI-Systemen in unterschiedlichen Anwendungsbereichen bzw. Teilaufgaben des Schreibprozesses.


  • Reflexion über die eigene Rolle und Verantwortung als Autor*in im Schreibprozess, in dem genKI-Systeme für Teilaufgaben herangezogen werden.


3. Kritische Bewertung und Integration

  • Fähigkeit zur kritischen Bewertung und Qualitätsprüfung KI-generierter Inhalte, wobei Lesekompetenz hierfür unabdingbar ist.


  • Kompetente Integration von KI-generiertem Output in den eigenen Schreibprozess und den eigenen Text.


  • Fähigkeit zur bewussten Aufgabenverteilung zwischen Mensch und genKI-Systemen.


  • Entwicklung und Wahrung der eigenen Stimme.


4. Kontinuierliche Weiterentwicklung der eigenen KI-bezogenen Schreibpraxis

  • Anpassung der Nutzungstiefe und -art entsprechend der individuell erworbenen AI-Literacy.


  • Motivation zur eigenständigen Organisation und Optimierung des Schreibprozesses.


  • Bereitschaft zum experimentellen und prozessorientierten Lernen mit genKI-Systemen.


KI-bezogene Schreibkompetenz ist nicht nur eine additive Erweiterung bestehender Kompetenzen, sondern auch eine situativ neu emergierende Kompetenz: Sie erfordert neben den klassischen Schreibkompetenzen ein Zusammenspiel von technischen und rechtlichen Kenntnissen, ethischem Bewusstsein, Prozess- und Strategieverständnis und menschlicher Urteilskraft, um eine kontinuierliche Weiterentwicklung des eigenen Denkens und Ausdrucks zu ermöglichen. Ob klassische Schreibkompetenz vorher erworben werden muss oder sich im Zusammenspiel mit KI entwickeln kann, bleibt zu diskutieren. 

Call for Participation

Der vorliegende Versuch einer Beschreibung dessen, was KI-bezogene Schreibkompetenz ausmacht, ist keinesfalls eine endgültige, abschließende Definition, von der wir nun den Anspruch hätten, dass sie kanonisch wird. Stattdessen bildet sie den Zwischenstand eines langen gemeinsamen Nachdenkens ab: Entstanden ist der Definitionsansatz im Rahmen des gefsus-Seminars „Generative KI in schreibdidaktischen Seminaren für fortgeschrittene Studierende und Promovierende“ (Mai 2025, Leitung: Isabella Buck). Dort haben wir mithilfe verschiedener KI-Systeme erste Definitionen von KI-bezogener Schreibkompetenz entworfen, diskutiert und wieder verworfen. Grundlage für diesen Beitrag war schließlich eine von Claude verdichtete Version, die wir anschließend mit Elementen aus den ChatGPT- und Gemini-Definitionen angereichert und sodann intensiv weiterbearbeitet haben.

Der Versuch einer Definition KI-bezogener Schreibkompetenz ist damit jedoch nicht abgeschlossen. Gerade weil zu viele Fragen offen sind, primär etwa die, ob der Erwerb klassischer Schreibkompetenz und KI-bezogener Schreibkompetenz nacheinander oder von Anfang an miteinander zu denken ist, und weil sich die technologischen Rahmenbedingungen fortlaufend verändern, brauchen wir weiteren Austausch. Wir laden die Community daher herzlich ein, ihre Sichtweisen, Kritikpunkte und Ergänzungen zu teilen und so an einem gemeinsamen Verständnis von KI-bezogener Schreibkompetenz mitzuwirken.

Anmerkungen

  1. Im schreibdidaktischen Diskurs wird häufiger der Ausdruck „KI-gestützt” verwendet, wie zum Beispiel in „KI-gestützte Schreibwerkzeuge” (Märzinger 2025), „KI-gestützte Schreibstrategien” (Schreibzentrum Frankfurt am Main 2024) oder „KI-gestütztes Schreiben” (Salden & Leschke 2023). In Bezug auf Schreibwerkzeuge, Strategien und das Schreiben als Tätigkeit finden wir die Begriffe inhaltlich nachvollziehbar. Wir haben uns bewusst gegen den Ausdruck „KI-gestützte Schreibkompetenz” entschieden, da dieser vom genauen Wortlaut her Fähigkeiten meinen würde, die sich, je nachdem, wofür „KI” stehen soll, auf die KI-Technologie, auf genKI-Systeme o. Ä. stützen. Uns geht es um Kompetenzen, die für den reflektierten und gezielten Einsatz von genKI-Systemen benötigt werden. Die im Folgenden beschriebenen Kernkomponenten der KI-bezogenen Schreibkompetenz können in Auseinandersetzung mit genKI-Systemen entwickelt werden, sie basieren jedoch nicht auf diesen Systemen. Der von uns gewählte Ausdruck „KI-bezogene Schreibkompetenz” schließt auch die theoretische Auseinandersetzung mit der Thematik ein sowie die Möglichkeit, sich gegen die Nutzung von genKI-Systemen zu entscheiden.
  2. Schindler und Siebert-Ott (2023) unterscheiden vier Dimensionen akademischer Textkompetenz: Schreibkompetenz, die bereits in der Schule erworben wird und motorische Fertigkeiten, grammatisches und lexikalisches Wissen sowie den Umgang mit Schreibmedien umfasst; Fach- und Lesekompetenz, die eng miteinander verbunden sind und die Grundlage für das Verstehen, Recherchieren und Verarbeiten von Texten bilden; Strategiekompetenz, die metakognitive Fähigkeiten wie Planen, Strukturieren und Reflektieren des eigenen Schreibens beinhaltet und sich mit wachsender Erfahrung entwickelt; sowie Diskurskompetenz, die auf der Fähigkeit beruht, wissenschaftliche Diskurse sprachlich angemessen mitzugestalten, und die sich erst im Studium ausbildet.
  3. Kruse und Chitez (2014) unterscheiden sechs Kompetenzfelder des Schreibens: Wissen, also der Umgang mit Wissenssystematiken, Forschungsmethoden, Recherche und kritischer Reflexion; Sprache, die Fähigkeit, Texte adressatengerecht zu gestalten; Genre, das Beherrschen von Sprachgebrauch, Argumentation und Intertextualität einer Textsorte; Kommunikation, das Einordnen der Textproduktion in soziale Kontexte; Prozess, das Organisieren, Steuern und Überarbeiten des eigenen Schreibens einschließlich Motivation und Krisenbewältigung; sowie Medienkompetenz, also der reflektierte Einsatz digitaler und analoger Werkzeuge im Schreibprozess.
  4. Nach Beaufort (2007) benötigen Schreibende Kompetenzen in fünf Bereichen: Schreibprozesswissen, also Strategien zur Planung, Steuerung und Überarbeitung; rhetorisches Wissen, das sprachlich-stilistische Gestaltung umfasst; Fachwissen, d.h. inhaltliches Wissen zum Thema; Textsortenwissen, das Verständnis für Struktur und Konventionen bestimmter Textarten; sowie Wissen um die Diskursgemeinschaft, die Regeln, Werte und Praktiken einer wissenschaftlichen Community.
  5. Die Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung (gefsus) definiert Schreibkompetenz im Studium als „die Fähigkeit, Texte zum Lernen und als Anknüpfungspunkte für eigene Textproduktionen zu nutzen und sich schriftsprachlich angemessen auszudrücken. Diese Fähigkeit setzt sich aus fachübergreifenden und fachspezifischen Komponenten zusammen und kann in drei Dimensionen beschrieben werden: Kompetente Schreibende nutzen Schreiben zum kritischen Denken, steuern produktiv den eigenen Schreibprozess und kommunizieren entsprechend den Textkonventionen der jeweiligen Fachgemeinschaft angemessen” (gefsus 2022).


Literatur

Beaufort, Anne (2014): Wie Schreibende sich an neue Schreibsituationen anpassen. In: Stephanie Dreyfürst & Nadja Sennewald (Hrsg.): Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 153–167). Beltz Juventa.


Gesellschaft für Schreibdidaktik und Schreibforschung (gefsus) (2022): Positionspapier Schreibkompetenz im Studium. Verabschiedet am 29. September 2018 in Nürnberg. 2., korrigierte Ausgabe. URL: https://gefsus.de/images/Downloads/gefsus_2022_Positionspapier-Schreibkompetenz.pdf


Kruse, Otto & Chitez, Madalina (2014): Schreibkompetenz im Studium. Komponenten, Modelle und Assessment. In: Stephanie Dreyfürst & Nadja Sennewald (Hrsg.): Schreiben. Grundlagentexte zur Theorie, Didaktik und Beratung (S. 107–126). Beltz Juventa.


Märzinger, Marina (2025): Begleitung des Denk- und Schreibprozesses durch KI-basierte Werkzeuge. In: Magazin erwachsenenbildung.at 55 (S. 29-37).  https://doi.org/10.25656/01:33687.


Salden, Peter/Leschke, Jonas (Hrsg.) (2023): Didaktische und rechtliche Perspektiven auf KI-gestütztes Schreiben in der Hochschulbildung. Bochum: Ruhr-Universität.


Schindler, Kirsten & Siebert-Ott, Gesa (2013): Textkompetenzen im Übergang Oberstufe – Universität. In: Helmuth Feilke, Juliane Köster & Michael Steinmetz (Hrsg.): Textkompetenzen in der Sekundarstufe II (S. 151–178). Klett.


Schreibzentrum Frankfurt am Main (2024): Studierenden-Handreichung „KI-gestützte Schreibstrategien“. URL: https://tinygu.de/KI-Schreibstrategien.


Steinhoff, Torsten & Lehnen, Katrin (2025): Schreiben mit Künstlicher Intelligenz: Das GPT-Modell (Ghost, Partner, Tutor). URL: https://xn--leserume-4za.de/wp-content/uploads/2025/06/Steinhoff-Lehnen-2025-LR-JG12-H11.pdf